Trauernde begleiten

Orientierung und praktische Hilfe

Tröstende Frau

Trost für Trauernde: unersetzlich in einer Zeit des Abschiednehmens.

Bild: iStockPhoto / Thomas_EyeDesign

Trauernde trösten – das gehört von Anfang an zu den Aufgaben des Christentums. Damit ist neben dem Zuspruch der Auferstehungshoffnung auch eine sensible Begleitung auf dem Weg der Trauer gemeint.

Gerade wenn im Alltag der Trauernden wenig Verständnis für die Trauer herrscht, braucht es Zeit und Raum, damit Trauer gelebt werden kann. Angehörige können Trauernde dabei durch praktische Hilfen, durch aufmerksames Zuhören und behutsames Nachfragen unterstützen.

Trauernde und die, die sie begleiten, suchen oft nach Orientierung in der Trauer. Dabei sollte beachtet werden, dass Stile und Wege des Trauerns von Person zu Person sehr unterschiedlich sein können. Dennoch können Begleiterinnen und Begleiter den Trauernden helfen, die Aufgaben des Trauerns gut zu bewältigen.

Aufgaben der Trauerbegleitung

Den Tod begreifen

Die Tatsache des Todes überhaupt zu realisieren, ist Voraussetzung für alle weiteren Schritte der Verlustbewältigung. Sie kann am besten dann und dort gelingen, wo be-greifen ganz körperlich möglich ist: am Totenbett, wo man die Veränderungen am leblosen Körper mit allen Sinnen erfassen kann und wo Gelegenheit ist für letzte Worte und Gesten. Hier bieten Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Begleitung an. Auch das schlichte Aussprechen der Tatsachen hilft, den Tod zu begreifen –nicht: „Er ist eingeschlafen.“, sondern „Er ist tot.“ oder „Sie ist gestorben.“

(Quelle: VELKD (Hrsg.): Du bist mir täglich nahe...- Sterben, Tod, Bestattung, Trauer, 2006)

Reaktionen Raum geben

Je früher Trauerreaktionen ausgelöst werden, desto besser. Trauernde brauchen Raum, Zeit und Gelegenheit, ihre Trauer auszudrücken: reden oder schweigen, weinen, lachen, schreien, sich – ohne Furcht vor sozialer Kontrolle – so verhalten, wie ihnen zumute ist.

Wenn Trauernde sich äußern, können Menschen, die sie begleiten, Verstandenes wiederholen, Mitgefühl und Akzeptanz zeigen und den Trauernden zum Weitersprechen ermutigen. Aber Vorsicht, die Faustregel heißt: den Ausdruck von Gefühlen fördern, nicht fordern. Man sollte Trauernde nicht zu Äußerungen drängen, nicht bohren, nicht dramatisieren, ihnen keine Gefühle zuschreiben - „Sie müssen doch jetzt unendlich traurig und verzweifelt sein.“- und schon gar nicht kritisieren, wenn nicht „genügend“ Gefühle geäußert werden.

(Quelle: VELKD (Hrsg.): Du bist mir täglich nahe...- Sterben, Tod, Bestattung, Trauer, 2006)

Anerkennung des Verlusts

Der Verlust, den Trauernde erlitten haben, verlangt nach Anerkennung. Die radikale Veränderung ihrer Lebensverhältnisse, ihr Schmerz, ihre Wut und andere Gefühle wollen gewürdigt werden – Beschwichtigung, Beschönigung oder Verharmlosung trösten nicht.

Gerade wenn ein erlittener Verlust sozial nicht anerkannt wird, sind Menschen wichtig, die den Verlust bestätigen und den Trauernden in seinem Schmerz ernst nehmen. Christinnen und Christen tun dies im Namen Gottes, von dem es in der Bibel heißt: „Ich habe dein Elend angesehen; ich verlasse dich nicht und lasse dich nicht zuschanden werden, ich halte dich an deiner rechten Hand…“

(Quelle: VELKD (Hrsg.): Du bist mir täglich nahe...- Sterben, Tod, Bestattung, Trauer, 2006)

Übergänge meistern

Trauernde müssen sich in zwei Richtungen bewegen: auf den Tod zu und dann wieder ins Leben hinein. Dabei sind nicht nur die letzten Wege zu den Toten schwer: Herantreten ans Totenbett oder ans offene Grab, Eintreten in die verlassenen Wohnräume der Toten. Schwierig sind auch die Wege zurück ins Leben: sich umdrehen und abwenden von dem Toten, ihn endgültig zurücklassen und weggehen. Alles, was man zum ersten Mal ohne die Verstorbenen vollzieht, kann Hürde oder Meilenstein werden: das erste Wochenende, das erste Weihnachtsfest, der erste Geburtstag, die erste Einladung ohne sie, ohne ihn.

Gerade in solchen Schwellensituationen sind Übergangshilfen wohltuend: Rituale wie Kerzen anzünden, die Uhr anhalten, Trauerkleidung anlegen, die Bestattung, das Totengedenken am Ewigkeitssonntag. Ein Mensch, der begleitet und stützt, der den schwersten Weg mitgeht. Jemand, der an Feiertagen schreibt, anruft, vorbeikommt, vielleicht mit zum Friedhof geht. Jemand, der hilft, den Nachlass der Verstorbenen zu ordnen, das Zimmer auszuräumen und neu einzurichten, den Haushalt aufzulösen.

(Quelle: VELKD (Hrsg.): Du bist mir täglich nahe...- Sterben, Tod, Bestattung, Trauer, 2006)

Erinnern & Erzählen

„Das hast du uns doch schon tausendmal erzählt!“, sagen Dritte manchmal zu den immer wiederkehrenden Erinnerungen Trauernder an ihre Toten. Aber Erinnern und Erzählen sind unverzichtbare Bestandteile der Verarbeitung eines Verlustes. Darum ist es gut, Geschichten über die Verstorbenen immer wieder zu erzählen und anzuhören. Kleine Veränderungen in Stimmung, Perspektive und Details der Erzählung zeigen Bewegung in der Trauer.

Die Rückschau auf die Lebensgeschichte der Verstorbenen und auf die Beziehungsgeschichte der Hinterbliebenen mit ihnen gewinnt für evangelische Christen und Christen durch den Rechtfertigungsglauben einen besonderen Horizont: Es wird möglich, die jeweilige Geschichte ganz realistisch mit ihren Sonnen- und Schattenseiten, mit ihrer Ambivalenz zu sehen, ohne dass sie entwertet oder verurteilt werden muss. Wenn man Bilanz zieht, was zwischen Hinterbliebenen und ihren Verstorbenen gewesen und nicht gewesen ist, gelebt wurde und ungelebt blieb, glückte und scheiterte, bleibt man wahrhaftig.

Man kann diese Wahrheit zugleich ertragen, wenn man im evangelischen Sinn über das Wahrgenommene urteilt: indem man das Gute, Gegebene und Gelungene gelten lässt und sich mit dem Nichtgelungenen, Versäumten und Schuldig-Gebliebenen versöhnt.

(Quelle: VELKD (Hrsg.): Du bist mir täglich nahe...- Sterben, Tod, Bestattung, Trauer, 2006)

Risiken & Ressourcen

Trauer ist eine Lebenskrise. Sie birgt Gefahren und Chancen. Sie kann zerstörerisch verlaufen oder als Reifungs- und Wachstumsprozess. Wenn die Trauer besonders erschwert ist, etwa durch traumatische Todesumstände, eine sehr komplizierte Beziehung zu dem Verstorbenen, unbewältigte Krisen, Krankheiten der Hinterbliebenen, kann eine dauerhafte Trauerbegleitung angesagt sein.

Im Normalfall können Trauernde am besten selbst ins Auge fassen, welche Schritte und Schwierigkeiten sie als nächste bewältigen müssen und wer oder was sie dabei unterstützen soll. Sie werden damit von Opfern zu Gestaltenden ihrer Trauer. Dazu sollten Begleitende anregen; Hilfe zur Selbsthilfe ist oft sinnvoller als zu viel Hilfe.

(Quelle: VELKD (Hrsg.): Du bist mir täglich nahe...- Sterben, Tod, Bestattung, Trauer, 2006)


27.05.2014 / Anne Lüters