Angebote für trauernde Kinder

Gemeinsam traurig sein können

"Lacrima", das italienische Wort für "Träne", ist der Name eines Zentrums für trauende Kinder in München. Unser Video dokumentiert die Arbeit von "Lacrima".

Wenn Kinder trauern, können Eltern oft nicht helfen. Sie haben viel zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz zu tun. Trauergruppen und -zentren wie „Lacrima“ in München bieten hier wertvolle Unterstützung.

Lara schien den Tod ihres kleinen Bruders erstaunlich gut verkraftet zu haben. Doch dann sackt sie stark in der Schule ab. Seit seine Mutter gestorben ist, plagen Sven nächtliche Albträume. Marco ist in der Schule auffällig geworden. Lea schottet sich von ihren Freundinnen ab.

Mit wem kann ich reden?

Kinder trauern anders als Erwachsene. Dauer, Art und Intensität ihrer Trauer sind sehr unterschiedlich. Wie die Erwachsenen versuchen sie eine Welt zu fassen, in der plötzlich nichts mehr stimmt, und ihr Gleichgewicht darin zu behalten. In einer Zeit, in der die Jugendlichen dringend ihre Eltern bräuchten, sind diese oft in ihrer eigenen Trauer gefangen. Oft versuchen auch die Kinder, ihre Eltern zu schützen.

So haben viele das Gefühl, mit niemandem reden zu können. Freunde sind mit dem Todesfall überfordert und wissen nicht, was sie sagen sollen. Die Eltern fühlen sich hilflos und wissen nicht, wie sie ihre Söhne und Töchter unterstützen können. In dieser schwierigen Lage empfiehlt es sich dringend, Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Was Kinder brauchen, um mit dem Tode leben zu lernen

Kinder müssen Gelegenheit bekommen, zu lernen, wie man trauert

Unterstütze Deine Kinder bei der Rückerinnerung. Erlaube ihnen, dass sie sich von den Gefühlen, die diese Erinnerungen bei ihnen auslösen, berühren lassen. Gib ihnen die Möglichkeit, sich mit tatsächlichen oder vermeintlichen Schuldgefühlen herumzuschlagen. Las auch zu, dass sie über den Verlust wütend und ärgerlich werden. - Las sie verstehen, was Trauer auch bedeutet: Nämlich, dass Gefühle, die einem verstorbenen Tier oder Menschen gegenüber empfunden werden, sich allmählich auflösen und neuen Beziehungen weichen.

Kinder müssen lernen, die Endgültigkeit des Todes zu begreifen

Benutze keine missverständlichen Umschreibungen des Todes, wie: „Sie ist von uns gegangen“ oder „Er ist eingeschlafen“. Weil Kinder noch Schwierigkeiten mit dem abstrakten Denken haben, könnten sie solche Aussagen leicht wörtlich nehmen. - Wenn Du an ein Leben nach dem Tode glaubst und dies Deinen Kindern vermitteln möchtest, ist es dennoch wichtig zu betonen, dass sie den verstorbenen Menschen oder das verstorbene Tier auf Erden nicht wieder sehen werden.

Kinder müssen ermuntert werden, ihre Gefühle zu zeigen

Zensiere ihre Gefühle nicht! Erlaube ihnen, zu weinen, wütend zu sein oder auch zu lachen. Zeige Anteilnahme für ihre Gefühle; sage z.B.: „Ich sehe, Du bist traurig. Du vermisst Großmutter. Möchtest Du mit mir darüber sprechen?“

Hilfe annehmen: zum Beispiel „Lacrima“

Ein solches Hilfsangebot ist die Einrichtung „Lacrima“ der Johanniter-Unfall-Hilfe, die 2002 von Diakon Tobias Rilling in München ins Leben gerufen wurde. Das Zentrum für trauernde Kinder und ihre Angehörigen, das auch Trauergruppen in Rosenheim und Pfaffenhofen sowie einen Standort in Nürnberg unterhält, bietet In- und Outdoorgruppen ebenso wie eine Reitgruppe für Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren und für Jugendliche von 13bis 19 Jahren. Daneben richtet es sich auch an die Eltern, die für die Trauerarbeit der Kinder eine herausragende Bedeutung haben.

"Lacrima" - das bedeutet Tränen, geteiltes Leid und Wege zurück ins Leben. Von der Überzeugung getragen, dass jeder Mensch die natürliche Fähigkeit hat, durch die eigene Trauer zu gehen und dass Achtsamkeit und Akzeptanz den Trauerprozess unterstützen, hat es sich „Lacrima“ zum Ziel gesetzt, trauernde Kinder im geschützten Raum ihren eigenen Trauerweg finden zu lassen und Kindern Gelegenheit zu bieten, sich gegenseitige Unterstützung zu gewähren. Beim Erinnern, im freien Spiel und im behutsamen Gespräch lernen Kinder, mit Schmerz, Wut oder dem Gefühl von Schuld umzugehen.

„Wir haben als Kirche viel zum Thema Trauer zu sagen“

Herr Rilling, was hat Sie 2002 bewegt, „Lacrima“ ins Leben zu rufen?
Tobias Rilling: "Eine einschneidende Erfahrung war für mich ein Zeltlager, das ich als Jugendreferent betreute. Damals wurde ein Kind mitgeschickt, das seinen Vater verloren hatte. Es war ganz toll, wie die Kinder die Trauer aufgegriffen und von eigenen Verlusterfahrungen erzählt haben. Die Kinder haben wirklich gut reagiert, und der betroffene Bub hat sich verstanden gefühlt, er durfte weinen und trauern. Damals habe ich mir gedacht: ,Für diese Buben und Mädchen sollte man etwas tun!' Wir haben als Kirche viel zu dem Thema Trauer zu sagen. Es ist doch unser Ureigenstes, Trauernde zu trösten."

Inwiefern sind Kinder besonders betroffen, wenn ein Angehöriger stirbt?
Rilling: "Wenn eine Bezugsperson wegfällt, ist oft das Selbstwertgefühl der Kinder angeknackst. Sie fühlen sich in der Familienkonstellation unsicher, übernehmen Schutzhaltungen und Rollen, die sie überfordern. Vor kurzem hat mir ein Neunjähriger gesagt, er sei jetzt der Mann im Haus. Oder die Kinder unterdrücken die Trauer, weil die Familie nicht gelernt hat zu trauern. Sie fangen an, aggressiv zu werden, weil sie es nicht aushalten, sich unter Kontrolle zu halten. Andere nässen ein oder werden zu schnell erwachsen."

Was tut „Lacrima“ für trauernde Kinder?
Rilling: "Wir begleiten die Kinder in einer Gruppe alle 14 Tage für zwei Stunden. Das reicht, damit die Kinder unabhängig von der Rolle, die sie daheim spielen müssen, ihren Weg durch die Trauer finden können. Kinder trauern anders – deswegen bieten wir spezielle Formen für sie an, beispielsweise die Trauerreitgruppe, den Toberaum, der ganz wichtig für die Buben ist, oder den Kreativraum für künstlerisch veranlagte Kinder. Ganz wichtig ist es uns auch, ein Bewusstsein für Rituale zu vermitteln. So beginnen unsere Gruppenstunden immer mit einer Kerzenrunde."

Und die Eltern?
Rilling: "Für sie gibt es parallel zur Kindergruppe Angebote. Das Projekt „gehen, trauern, wandeln“ beispielsweise. Das ist ein Pilgerangebot von München nach Rottenbuch nur für Erwachsene, das sehr gut angenommen wird."

Welche Erfahrungen sind Ihnen seit der Gründung des Zentrums besonders wichtig geworden?
Rilling: "Zum einen die Erkenntnis, dass unsere Arbeit notwendig ist. Wir werden gefragt - nicht nur bei Krisen, sondern auch danach. Eindrücklich war mir beispielsweise die Begleitung trauernder Kinder nach dem Einsturz des Daches der Eissporthalle in Bad Reichenhall. Als sich nach einem Dreivierteljahr alle Helfer zurückgezogen hatten, erhielten wir die Anfrage, ob wir nicht eine Gruppe gründen wollten. Die Gruppe lief dann sehr gut."

Inwiefern trauern Kinder anders als Erwachsene?
Rilling: "Kinder sind zwar Menschen aber keine kleinen Erwachsenen. Deshalb lässt man Kinder auch nicht Auto fahren. Sie haben noch nicht die Reife, alles zu überblicken und zu erfassen. So ist das auch mit den Gefühlen und der Trauer. Sie lernen dies nur anhand von guten Vorbildern, den Erwachsenen. Die haben aber heutzutage auch keine gute Trauerkultur vorzuweisen. Deshalb haben es Kinder schwer, mit ihrem Schicksal zurechtzukommen. Kinder trauern kindlich, d.h. im Spielen und im Erleben, wie beispielsweise der Papa durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist."

Was raten Sie Eltern, die fragen, wie sie ihrem Kind am besten helfen können?
Rilling: "Eltern sollten gute Vorbilder in der Trauer sein und ihre Emotionen zeigen. Und das Kind sollte seinen Weg gehen und seinen eigenen Ausdruck finden dürfen - ohne Angst und offen für das, was kommt."

Zur Person

Rilling, Tobias , Bild: © privat

Tobias Rilling

Jahrgang 1965, Lebens- und Trauerbegleiter nach J. Canacakis. Der Diakon der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayern ist seit über 25 Jahren in der Kinder- und Jugendarbeit in verschiedenen Bereichen tätig.


23.04.2014 / Anne Lüters