Rituale und Gesten

Heilsame Handlungen

Frau auf einer Bank am Meer

In einer Zeit der Trauer geben Rituale Halt - ein Ausflug ans Meer kann ein Beispiel sein

Bild: iStockPhoto / YinYang

Rituale haben für den Menschen die Bedeutung, Zeiten der Unsicherheit, des Umbruchs und der drohenden Orientierungslosigkeit zu gestalten. Sie geben Halt und Sicherheit und schenken Geborgenheit.

Zugleich sind Rituale immer auch Begleiter von Veränderungsprozessen, von Schwellensituationen auf dem Lebensweg sowie von Initiationen in eine neue Dimension des Lebens. Sie eröffnen immer auch den Zugang zu einer spirituellen Dimension. Im Umfeld von Sterben und Tod sind deshalb Rituale von besonderer Wichtigkeit.

Neben dem offiziellen Ritual der Bestattung gibt es unzählige kleine und größere Rituale, die Trauernden dabei helfen, die Zeit zu strukturieren und die Zeit der Unsicherheit - auch über die eigenen Emotionen – zu gestalten und zu überstehen. Nicht jedes Ritual ist für jeden Menschen stimmig. Hier gilt es behutsam darauf zu achten, welche Gesten und Handlungen die eigene Trauerarbeit befördern und welche eher hinderlich sind.

Der Gang zum Friedhof

Vielen Trauernden ist der regelmäßige Besuch des Grabes ein ganz wichtiger Fixpunkt in der Zeit nach der Beerdigung. An diesem Ort fühlen sie sich dem Verstorbenen nah, halten sie gedanklich Zwiesprache oder lassen den Tränen freien Lauf. Auch die Gestaltung und Pflege des Grabs hat hier eine wichtige Funktion. Wenn der Besuch mit dem immer gleichen Weg zu einer ähnlichen Tageszeit verbunden wird, dann wird er zum lieb gewordenen, unverzichtbaren Termin mit dem Verstorbenen im Tages- oder Wochenablauf.

Der leere Platz

Manchen Angehörigen ist es ein Bedürfnis, ein Bild von ihren Verstorbenen im Raum aufzustellen und ihren Platz im Haus – beispielsweise am Tisch – frei zu lassen. Anstelle wie gewohnt für den Verstorbenen mitzudecken, stellen manche bei Tisch eine Kerze oder einen Strauß Blumen für ihn auf – als Zeichen der Erinnerung und auch für die Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Frau am Fenster,© iStockPhoto / FarukUlay

Für Trauernde können die ganz alltäglichen Verrichtungen plötzlich sehr fremd werden. Das Aufstehen und Zubettgehen, das Kochen und Essen und alle Dinge des Haushalts werden manchmal zur Last. Da hilft es, wenn diese wie ein Ritual, mit Andacht und langsam vollzogen werden. Ziehen Sie jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit die Vorhänge in Ihrem Schlafzimmer, Ihrem Wohnzimmer zur Seite und begrüßen Sie den neuen Tag. Dabei ist es völlig unerheblich, wie Ihnen zumute ist. Tun Sie es einfach regelmäßig. Es wird bewirken, was es besagt: Der neue Tag, das neue Licht wird Ihnen „ein-fallen.“ Und am Abend bedanken Sie den Tag, egal, wie er war. Schließen Sie die Vorhänge oder das Rollo ganz bewusst. Und legen Sie sich selbst und Ihre Nacht in eine größere Hand.

(Quelle: Brigitte Enzner-Probst: Trauer leben, Rituale, Segensworte und Gebete, Claudius Verlag, München 2010, 2. Auflage)

Gemeinsam erinnern

Erinnern und Erzählen hilft, den Verlust zu verarbeiten. Angehörige machen sich dadurch klar, was der verstorbene Mensch ihnen bedeutet hat, was sie mit ihm verloren haben und welchen Teil der gemeinsamen Geschichte sie bewahren wollen. Oft geschieht dieses Erzählen ganz nebenbei. Zum Ritual wird es, wenn an bestimmten Tagen ganz bewusst Zeit für die Erinnerung eingeplant wird, wenn gemeinsam oder allein Bilder betrachtet werden, des Verstorbenen gedacht, erzählt, gelacht und geweint wird. Manche suchen auch ganz bewusst die Orte auf, die im gemeinsamen Leben eine wichtige Rolle spielten.

Das Gebet

Das Gebet – allein oder in der christlichen Gemeinschaft - wird für viele Christen gerade in der Zeit der Trauer wichtig. Es hilft, die Gedanken zu sammeln und den eigenen Schmerz, die Wut und die Zukunftssorgen bei Gott abzuladen.

Besonderer Schutzbereich

Bereits im Alten Testament werden Trauerzeiten erwähnt. Das Trauerjahr kann so etwas wie einen Schutz bedeuten. In diesem Jahr gibt es zahlreiche Jahrestage zum ersten Mal zu durchleben: das erste Weihnachtsfest, der erste Hochzeitstag ohne den Verstorbenen, der erste Todestag. Der Brauch des Trauerjahrs will den erforderlichen Schutzbereich markieren: Hier lebt jemand in einer besonderen Situation. Darauf gilt es Rücksicht zu nehmen.

Das erste Jahr nach dem Trauerfall

Weihnachten

Eine Kerze in der Dunkelheit,© iStockPhoto / jorgeantonio

Das erste Weihnachten ohne einen geliebten Menschen – viele Angehörigen wollen gar nicht daran denken. Aber gerade deswegen empfiehlt es sich, sich frühzeitig Gedanken zu machen über diesen Tag. Welche Menschen möchte man an diesem besonderen Abend im Jahr bei sich haben? Oder kann man Nähe und Gemeinschaft gerade nicht ertragen? In welcher Form möchte man die Verstorbene/den Verstorbenen einbeziehen? Wird ein Gang auf den Friedhof eingeplant, und wenn ja, mit wem? Welche Gottesdienste tun gut, und welche wecken zu schmerzliche Erinnerungen? Trauernde helfen ihrer Familie, wenn sie möglichst deutlich von ihren Bedürfnissen reden. Und Freunde helfen Trauernden, wenn sie ihnen Nähe anbieten und gleichzeitig ihr Bedürfnis, sich zurückzuziehen, respektieren. Haben Sie Geduld mit sich und anderen. Es ist genug, wenn Sie das erste Weihnachtsfest gut überstehen.

Geburtstag oder Hochzeitstag

Eine Hand kreist einen Termin in einem Kalender mit einem roten Filzstift ein.,© iStockPhoto / BrianAJackson

Natürlich gehen an diesen Tagen alle Gedanken zu der/dem Verstorbenen. Erinnerungen an Geburtstagsfeste kommen hoch – vielleicht hat man im vergangenen Jahr noch unbeschwert gefeiert. Manche Familien kommen bewusst an diesem Tag zusammen. Sie gehen gemeinsam auf den Friedhof und unternehmen etwas, das der/dem Verstorbenen gefallen hätte – so schwer das ist. Den meisten Angehörigen tut es sehr gut, wenn Freunde sich an den Geburtstag der/des Verstorbenen erinnern und dies in einem Brief oder vielleicht einem Telefonanruf zum Ausdruck bringen.

Passion und Ostern

Das Bild zeigt drei Kreuze auf einem Berg,© iStockPhoto / KimsCreativeHub

Es gibt zwei Zeiten im Kirchenjahr, die das Thema Tod und Trauer aufgreifen: die Passionszeit und der Ewigkeitssonntag.

Beim Betrachten des Leidenswegs Jesu Christi und der Trauer seiner Jünger werden in Karfreitagspredigten, Passionsandachten und anderen Gottesdiensten auch heutiges Sterben, Schmerz und Trauer in den Blick genommen und in den Horizont christlicher Auferstehungshoffnung gestellt.

Ewigkeitssonntag

Kerzen brennen in der Dunkelheit,© iStockPhoto / Eduard Andras

Das eigentliche Totengedenken begehen evangelische Kirchengemeinden am Ewigkeitssonntag, dem Sonntag vor dem ersten Advent. Dazu weder vielerorts die Angehörigen der Verstorbenen des vergangenen Jahres gezielt eingeladen. Im Gottesdienst werden häufig die Namen der Verstorbenen verlesen und Kerzen für sie angezündet. Die Verstorbenen und ihre Angehörigen werden in die Fürbitte eingeschlossen. Manche Familien nehmen dies zum Anlass, noch einmal zusammen zu kommen und gemeinsam den Friedhof zu besuchen.

Todestag

Eine Sanduhr,© iStockPhoto / Kuzma

Ein Jahr ist seit dem Todesfall vergangen. In rascher Reihenfolge jähren sich nun die Ereignisse: Die letzten Tage mit der/dem Verstorbenen, der Todestag, der Tag der Beerdigung. In dieser Zeit kann der Schmerz noch heftig aufflammen: Noch einmal kommen die vergangenen Erlebnisse und Gefühle ganz nah. Und doch ist die Zeit verstrichen. Angehörige haben erfahren: Leben ohne die Verstorbene/den Verstorbenen ist schmerzhaft, aber möglich. So spielen bei aller Trauer auch Dankbarkeit und Hoffnung mit. Es ist gut, sich Zeit zu nehmen an diesem Tag bei einem gemeinsamen Friedhofs- oder Gottesdienstbesuch oder einem Treffen mit der Verwandtschaft. Freunde und Bekannte können durch Anrufe oder Karten zeigen, dass sie die Verstorbene/den Verstorbenen und seine Familie nicht vergessen haben

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27.05.2014 / Anne Lüters