Kunst des Sterbens

Jede Lebensphase bewusst leben

Blätter im Sonnenlicht

Hoffnung lässt Menschen anders leben

Bild: Pixelio / Gaby Bessen

Grabsteine sind Grenzsteine. Sie verweisen auf die Begrenztheit unseres Lebens - mitten im Leben. Das ist kein hoffnungsloses Erinnern: Auf keinem Grabstein fehlt das Kreuz.

Denn das Kreuz ist - paradox genug - das Hoffnungssymbol schlechthin. Auf das Kreuz folgt die Auferstehung Jesu Christi, die ohne vorheriges Leiden und Sterben nicht zu denken ist. Sie ist unsere Hoffnung – im Angesicht unseres Todes. Solche Hoffnung ist nicht allein für Menschen wichtig, die sich anschicken, ihre letzte Reise anzutreten. Hoffnung lässt Menschen anders leben.

Zitat

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen“

(Psalm 90,12)

Ein gelassener Umgang mit dem Altwerden und Sterben gelingt vor allem dem Menschen, der ein erfülltes Leben hat. "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", so betet ein Psalmendichter in der Bibel. Über das Alter nachzusinnen, ist weise. "Lehre uns bedenken" – das meint, mit dem Ende vor Augen, wann immer es kommt, getrost und zuversichtlich, fröhlich und dankbar zu leben. Wir brauchen heute nicht weniger dringend als unsere Vorfahren eine Kunst des Lebens und Sterbens, die sich vor allem mit dem Nachdenken über das eigene Alter, über den persönlichen Umgang mit dem Leben und seinem Ende befasst.

Man könnte wehmütig werden im Angesicht all dessen, was bereits vorüber ist. Das Wissen um Vergänglichkeit, darum, dass manche Zeiten unwiederbringlich dahin sind, ist nicht gerade eines, das einen nur heiter stimmt. Wie ordne ich mich da ein, in diesen Ablauf von Lebensjahreszeiten, dann, wenn ich merke, dass mir nicht mehr die ganze Welt offen steht? Wenn ich weiß, dass viele Wege gegangen, sonnige Abschnitte abgeschritten und Felder abgeerntet sind?

Alle Lebensjahreszeiten in sich tragen

Es gibt einen elementaren Satz, der hilft, sich in der eigenen Lebensjahreszeit zurecht zu finden. Er lautet: "Meine Zeit steht in deinen Händen". Mein ganzes Leben ist bei Gott geborgen, ich selbst bin zu jeder Zeit ein ganzer Mensch, der alle Lebensjahreszeiten zugleich in sich trägt. Leben ist nicht einfach ein Kreislauf von Werden und Vergehen, die Natur spiegelt sich nicht einfach in meinem Lebensalter. Ich bin zu jeder Zeit ein ganzer Mensch, in dem alle Lebensjahreszeiten zugleich stecken. Ich trage ja trotz des Herbstes immer noch meinen Frühling und meinen Sommer in mir.

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Dankbar für die Fülle des Lebens

Unsere Zeit steht in deinen Händen. Es gehört eben alles zu mir, zu meinem Leben – das Leichte, Heitere, Beschwingte, die frühe Dunkelheit, die überraschend hereinbrechende Nacht, der Sturm, die Kälte. Aber ich spüre auch, dass ich im Herbst meines Lebens längst nicht kalt bin, sondern voller Wärme und Glück, bei mir und Gott zuhause. Meine Zeit steht in deinen Händen – ich bin dankbar für die Fülle des Lebens, die Gott mir geschenkt hat.

Ich genieße, womit er mich bedacht hat, und ich nehme alles an, was er mir an Lasten auferlegt hat – denn alles, was ich bisher erlebt, erlitten, genossen und selig beglückt empfangen habe, hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin, unverwechselbar. Das kann einen zu jeder Jahreszeit des Lebens dankbar stimmen. Es ist wunderbar, da zu sein, zu atmen, zu leben, Liebe zu spüren, Freundschaft zu erfahren. Es ist unfassbar, welche Ernte wir in unserem Leben einfahren dürfen, wie wir unsere Scheuern füllen können mit Bildern, Worten, Tönen, Klängen - mit schweren und leichten, mit guten und traurigen.

Trost und Zuversicht im Sterben

Martin Luther hat ein Büchlein verfasst, das von der "Kunst des guten Sterbens" handelt. Luther setzt einen Leser voraus, der sich der Situation des künftigen Sterbens bewusst stellt. Dass man den Tod verdrängen könne, kommt Luther nicht in den Sinn. Luther spricht die innere Vertrauensfrage des Lebens an, die Hoffnung auf Trost und Zuversicht im Sterben. Luther führt den Leser gedanklich ganz nah an den Augenblick des bewussten Sterbens heran.

In dem Moment, in dem der Mensch aufhört zu atmen, zu leben und sich zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen verhalten zu können, verhält sich Gott weiterhin zu ihm. Das ist es, was der christliche Glaube ewiges Leben nennt: die Geborgenheit in Gottes Treue, in der Gottesbeziehung, ein Gehaltensein über die Grenze des Lebens hinaus, die Aussicht auf gnädiges Angenommensein - mit der ganzen, gesammelten eigenen Lebensgeschichte. Wo der Tod hinkommt, wohin wir im Sterben gelangen, da ist immer schon Gott.

Zur Person

Susanne Breit-Keßler, Bild: © ELKB / Poep

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler (*1954) ist Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern. Die ständige Vertreterin des Landesbischofs ist unter anderem stellvertretende Vorsitzende der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, Vorsitzende des Seelsorgeausschusses der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) sowie Vorsitzende des Beirates der Evangelischen Stiftung Hospiz und Mitglied in der bayerischen Bioethikkommission.


05.05.2014 / Susanne Breit-Keßler